Level U(p)!

Next Level Conference 2013

<Head>and<Body> und das Dortmunder U

Bewegte Schachfiguren wuseln über die riesigen Monitore auf den obersten Stockwerke der ehemaligen Unions-Brauerei und machen auf Anhieb klar: Wir sind in der Zukunft.

Mit dem Dortmunder U hatte die Next Level Conference im vergangenen Dezember endlich ein mehr als passendes Gebäude gefunden. Die Festivalkonferenz zu Kunst und Kultur der digitalen Spiele war vom Rheinland ins Ruhrgebiet gezogen. Im U-Inneren hielten die Pixel Einzug: Via Projektion an den Wänden des Treppenhauses spielten die Besucher Tetris, Super Mario World, Space Invaders und andere 8-Bit-Klassiker. Im Eingangsbereich tanzte eine Chimäre aus Börsenbulle und Goldenem Kalb für die Games-Performance »Golden Calf« von Volker Morawe und Tilman Reiff das Börsenjahr.

Betrachter vor der Installation Golden Calf: Ein goldenes riesiges Stehaufmännchen mit dem Kopf eines Bullen und rot leuchtenden Augen.

Zu Besuch beim »Golden Calf«

Aber der erste Besuch sollte uns, Chris und Fabian von <Head>and<Body> zum Workshop von Jana und Matthias von Creative Gaming führen. Im leider weniger gut besuchten Workshop (2 Workshopper gegenüber 3 Besuchern) haben wir uns näher mit Kodu beschäftigt und schließlich innerhalb von zwei Stunden Workshop sogar ein kurzes Level mit der 3D-Software gebastelt. Auch wenn das Ergebnis nicht die höchste Spielkunst war, waren wir sehr zufrieden. Heldin unseres Games war eine Schildkröte, die gewann, wenn sie innerhalb einer Minute 5 Oktopoden (es gab eine kurze Diskussion über den korrekten Plural von Oktopus) verzehrte.

Eine Frau schaut auf den Bildschirm eines Laptops.

Levelbau mit Kodu.

Geistig anspruchsvoller und weniger verspielt war die Keynote von Bazon Brock, Künstler und Kunsttheoretiker, emeritierter Professor für Ästhetik und Kulturvermittlung an der Bergischen Universität Wuppertal unter dem Titel: »Next Level 1914. Algorithmus als Feuerkraft: Großväter erzählen vom kommenden Krieg.« Professor Brock machte hier frei nach Schiller das Spiel als grundlegende Kulturtechnik aus. Das Erforschen des Möglichen und die Vorbereitung auf eigenes Scheitern seien nur im Spiel möglich. Diese Kulturtechnik sei dabei, sich grundlegend zu ändern, wenn Spiel (Ballern via Konsole in der virtuellen Spielumgebung) und Wirklichkeit (Ballern via Drohne in Pakistan) außer in ihren Folgen kaum noch zu unterscheiden seien. Mehr dazu in einem Interview bei Deutschlandradio Kultur. Dann warf Brock noch den Ersten Weltkrieg als Folge der Negation des Scheiterns jeder Kriegspartei ins Feld, wobei er Christopher Clarks aktuelles Buch »Die Schlafwandler« disste. Apropos Dissen: Seine Keynote begann Brock mit einer Attacke auf die Kreativwirtschaft, für ihn eine leere Worthülse, zwischendurch geißelt er Merkel für ihre Politik des Nichthandelns. Insgesamt ein wahrer Brainstorm aus Philosophie, Geschichte und Performance, bei dem vieles zu hoch und nicht alles (politisch) korrekt war. Mit schwirrendem Kopf ging es für <Head>and<Body> früh ins Bett, um am nächsten Morgen ausgeschlafen das U zu besuchen.

Die Journalistin Helga Hansen schilderte am Samstag in ihrer Keynote »Games + Gender« die aktuelle Situation der Gamesbranche: Jahrelanges Vermarkten von Spielen als Männer/Jungsaktivität hat ein unangenehmes Klima für weibliche Gamer geschaffen. Frauen existieren Ingame fast nur als sexistische Stereotypen, Spielerinnen werden beleidigt und nicht ernst genommen. Erst langsam könnte mit prominenten Wissenschaftlerinnen wie Anita Sarkeesian ein Wandel einsetzen – wenn sich die Chauvi-Shitstorms gelegt haben und die Entwickler Frauen als Zielgruppe ernst nehmen.

Eine Frau mit grüner Sturmhaube zündet sich eine Zigarette an, sie wird via Beamer auf das Podium einer Diskussion mit vier Männern zugeschaltet.

Karen Eliot via Skype auf dem Panel »Kunst und Computerspiele«.

Im Panel »Kunst und Computerspiele« ging es vor allem um Kunst in Games, virtuell zu Gast war Künstlerin/Kunstfigur/Massenpseudonym Karen Eliot, die auf einer Insel in »Second Life« eine anarchistische Gesellschaft gegründet hat. Indem sie allen Spielern auf einer Insel administrative Rechte eingeräumt hat, zwang sie alle zur Kooperation. Alle konnten sich gegenseitig von der Insel verbannen oder die Bauwerke der anderen löschen. Bemerkenswert auch das Helmut-und-Loki-Schmidt-Privileg der Künstlerin unter der grünen Balaklava: Da sie via Skype zugeschaltet war, konnte sie sich als einzige Panelteilnehmerin zwischendurch die eine oder andere Kippe anzünden. Nach einer kurzen Besichtigung der Ausstellungen im U warandbeim Vortrag »Zwischen virtueller und physischer Realität: die Räume des Computerspiels« des Philosophen Stephan Günzel zu Gast. Von Barbie-Games über Henri Lefebvre ging es bis zu der Schlussfolgerung, dass virtuelle Räume ebenso real sein können wie physische. Nach so viel Sitzen und Zuhören versprach die Premiere der Performance »Can I leave now?« Abwechslung. Mit eingeschalteten, in das Performance-WLAN eingeloggten Smartphones fanden sich die Besucher in einem dunklen Raum wieder, der eine leichte Ähnlichkeit zum Holodeck, der Virtual-Reality-Wunschmaschine aus »Star Trek« aufwies. Die Schauspielerinnen und Schauspieler zeigten unter anderem »Twilight« aus der Perspektive eines Flugreisenden, ein Date als Sammelkartenspielduell, eine ferngesteuerte Hotelzimmerinsassin und das Einigeln in den Raumanzug. Zwischendurch konnte das Publikum per Smartphone tasten drücken, aber ob eine echte Interaktion stattfand, bleibt unklar.

Ein Mann steht mit verschränkten Armen auf einem Block.

Performance im Holodeck: »Can I leave now?«


Insgesamt eine durchaus besuchenswerte Festivalkonferenz, der aber im vierten Jahr ein wenig die Luft auszugehen scheint. Fanden die Treffen in der Kletterhalle Kalk und in der Herz-Jesu-Kirche am Zülpicher Platz noch fast in einer familiären Atmosphäre statt, verloren sich die Besucher 2013 zwischen Business und Education.

Text: Fabian Mauruschat Bilder: Christiane Strauss und Fabian Mauruschat


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