Ein Fliegenmärchen

Eine rothaarige Katze sitzt neugierigen Blickes auf einem roten Hocker

Spielt mit: Der fliegenjagende Morris

Es war einmal eine Stubenfliege, nicht größer als dein Fingernagel, die war furchtbar hungrig. Also schwirrte sie brummend hinaus aus ihrer Stube, auf der Suche nach Essen.

Zuerst roch sie etwas, das war gammliger Fisch. „Genau das richtige für meinen leeren Magen“ dachte sich die Fliege. Summend folgte sie dem Geruch, als sie eine riesige Schüssel sah, in der jede Menge Fischbrocken lagen. Das kleinste dieser Stücke war mehr als doppelt so groß wie die Stubenfliege. Ihr Glück kaum fassend, landete die Fliege in der Schüssel. Soviel zu essen! Gerade als sie ihren Rüssel auf den Gammelfisch setzen wollte, bemerkte sie eine Bewegung hinten links. Mit ihren Facettenaugen erspähte sie eine große Gestalt mit rotem Fell und spitzen Ohren – das war der Kater Morris. Die kleine Fliege in seinem Napf hatte in ihm die Jagdlust geweckt. Ganz langsam war er näher gepirscht, als die Fliege zwischen dem Katzenfutter gelandet war. Aber selbst der flinkste Kater ist nicht so schnell wie eine Fliege und wenn die Fliege nicht gerade sehr abgelenkt ist, kann sie immer entwischen. Und obwohl die Stubenfliege so hungrig war, war sie doch sehr vorsichtig geblieben. Die Pfote des roten Katers sauste zwar blitzschnell herab, die Fliege war aber schneller und schwirrte davon. Hoch in den Himmel flog sie. Hier wollte sie dann lieber doch nicht fressen.

Gedankenverloren drehte sie ihre Runden, als ihr ein neuer Duft in die Fühler stieg. Das war doch Kuhmist! Mit einem freudigen „Bssst!“ näherte sie sich der grünen Weide. Der köstliche Geruch kam von einem großen, braun-weiß gefleckten Ding. Die Fliege näherte sich einer dunklen Öffnung und flog hinein. Sie fuhr die Zunge aus und – Bäh! – das war ja bitter. Sie schwirrte aus dem Ohr der Kuh Anke, deren Ohrenschmalz sie versehentlich probiert hatte. Das köstliche Aroma kam von woanders. Brummend flog sie zum anderen Ende der Kuh, als sie einen Luftzug mit ihren Körperhärchen spürte. Ein riesiger Wedel schoss auf sie zu. Auch wenn sie tausendmal schneller war als der Kuhschwanz, war es ganz schön knapp für die durch die Luft wirbelnde Stubenfliege. Nein, hier auf der Weide war es ihr zu gefährlich.

Also flog sie weiter, obwohl ihr Magen so leer war und ihr die Flügel schon weh taten. Da hörte sie ein Summen und Brummen und Sirren und Flirren – und dann sah sie es auch schon: Hundert Fliegen saßen und schwirrten um einen schönen stinkenden Komposthaufen. Hier waren keine Katzen mit gefährlichen Tatzen oder Kühe mit wedelnden Schwänzen. Nur ganz viele Fliegen, die ihr die besten Stellen verrieten, ihr die neuesten Fliegentänze zeigten und die von ihren Erlebnissen in Schüsseln und Weiden hören wollte. Und wenn sie nicht gestorben ist, rüsselt die Stubenfliege immer noch im Kompost.


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